Rede des Botschafters anläßlich des Holocaustgedenktages

Dieser Text wurde auch in der israelischen Tageszeitung Jedioth Achronot am 26.01. veröffentlicht.

Am 27. Januar 1945 wurde Auschwitz-Birkenau befreit, das größte Vernichtungslager der Nazis. Den Soldaten der Roten Armee bot sich ein Bild des Grauens. Nur etwa 8000 Frauen, Männer und Kinder hatten im Lager überlebt – abgemagert bis auf die Knochen. Auf dem eisigen Boden stapelten sich Leichen; in den Lagern fanden die Soldaten Berge von Kleidungsstücken, Brillen und Kinderspielzeug.

Das Verbrechen der Shoah, der millionenfache Mord, scheint unsere menschliche Vorstellungskraft zu übersteigen. Und doch wurde das Grauen von Menschen gewollt, geplant,  und in die Tat gesetzt. Vor 70 Jahren, im Januar 1942, kamen in der "Villa am Wannsee" bei Berlin hochrangige deutsche Beamte und Offiziere zusammen, um die Organisation des Genozids an den Juden Europas zu planen. Sechs Millionen Juden wurden von Deutschen und ihren Helfern getötet. Diese deutschen Täter waren keine Unbekannten. Sie lebten in der Generation meiner Eltern und Großeltern.

"Die Verantwortung für die Shoah ist Teil der deutschen Identität", so hat es der ehemalige deutsche Bundespräsident Horst Köhler 2005 vor der Knesset ausgedrückt. Als deutscher Botschafter in Israel ist es für mich eine ganz persönliche Aufgabe, die Erinnerung an die Shoah zu erhalten. Insbesondere für die junge Generation.

Noah Flug, der als junger Mann den Todesmarsch aus Auschwitz überlebte und letztes Jahr verstarb, führte als langjähriger Präsident des Internationalen Auschwitz Komitees eine beeindruckende Arbeit gegen das Vergessen. Die Erinnerung "hat kein Verfallsdatum, und sie ist nicht per Beschluss für bearbeitet oder beendet zu erklären", so argumentierte Flug.

Und doch wird es auch schwieriger, die Erinnerung an die Shoa zu erhalten. Dieser Gedanke ging mir durch den Kopf, als ich bei der Beerdigung Noah Flugs an seinem Grab stand. Dieser Verlust machte mir erneut schmerzlich bewusst: In Israel und überall auf der Welt sind immer weniger Überlebende der Shoah unter uns, die ihre persönlichen Erfahrungen an die folgende Generation weitergeben können.

Nicht zuletzt deswegen ist die Begegnung zwischen jungen Israelis und Deutschen so wichtig. Jedes Jahr nehmen rund 11000 Jugendliche an Austauschprogrammen teil. Israelische Praktikanten arbeiten im Deutschen Bundestag; deutsche Freiwillige betreuen Kranke in israelischen Altenheimen. Seit letztem Sommer musizieren Studenten aus Weimar und Jerusalem zusammen in einem neuen Jugendorchester, das gerade hier auftrat. In diesem Jahr wird meine Regierung eine auf viele Jahre angelegte neue Zusammenarbeit bei der Holocaust Erziehung mit Yad Vashem begründen.

Politisch haben unsere Staaten eine tiefe Freundschaft aufgebaut. Die grauenvolle Kluft unserer Vergangenheit macht diese Freundschaft kostbar und einzigartig. Es ist keine leere Formel, wenn wir sagen: Die Sicherung des Existenzrechts Israels gehört zur deutschen Staatsräson.

Auf ganz persönlicher Ebene berührt mich die Entwicklung unserer Beziehungen. Als ich vor 20 Jahren zum ersten Mal in Israel arbeitete, hatte ich zunächst ein ungutes Gefühl, mit meinen Kindern im Supermarkt deutsch zu sprechen. Erst nach vielen Freundschaften, die ich mit Menschen in diesem Land schließen konnte, legte sich diese Befangenheit. Ich erlebe heute immer öfter, dass man als Deutscher in Israel in spontaner Weise interessiert, herzlich und mit Sympathie empfangen wird. In Erinnerung an das Grauen der Vergangenheit lehrt dies uns Deutsche Demut und Dankbarkeit.

Normal werden die Beziehungen zwischen Juden und Deutschen nie sein, so hat es der von mir hochgeschätzte Autor Amos Oz einmal gesagt. "Sie sollten das auch gar nicht", so Oz. "Sie sollten intensiv sein." Diese Intensität ist meine tägliche Erfahrung.

Rede des Botschafters anläßlich des Holocaustgedenktages