Die Gründergeneration 2.0

Es weht ein neuer Geist durch Deutschland. Immer mehr Menschen machen sich selbständig. Manchmal führt der Weg von der Idee direkt an die internationale Spitze. Das Gründerland Deutschland inside.

Daniela Steinberger, Ulrike Groß und Michael Lindemann vom bio.logis Management Bild vergrößern Daniela Steinberger, Ulrike Groß, Michael Lindemann (© bio.logis) bio.logis

"Sie sind gerade Zeuge einer weltweit erstmals entdeckten DNA-Mutation", sagt Daniela Steinberger. "Diese Veränderung führt höchstwahrscheinlich zu Diabetes." Was nach Weltsensation klingt, ist Alltag für die Geschäftsführerin von bio.logis. Die medizinische Leiterin des jungen Unternehmens wendet sich vom Bildschirm ab, führt unaufgeregt durch die Laborräume in der neuen Science City Frankfurt Riedberg und erklärt die komplexe Materie mit einfachen Worten. "Wir ermitteln im Labor genetische Daten von Menschen und bereiten sie mit einer eigenen IT-Plattform so auf, dass jeder sie nutzen kann", sagt Daniela Steinberger. "Damit können Krankheiten schneller identifiziert und therapiert werden. Und damit kann Menschen geholfen werden, die an Krankheiten leiden, die bisher nicht erkannt werden konnten oder bestimmte Medikamente nicht vertragen." Im Gegensatz zu anderen Anbietern analysiert bio.logis nicht nur die Genproben, sondern interpretiert die Veränderungen und macht sie damit medizinisch nutzbar. In diesem Bereich ist das Unternehmen weltweit führend.

Die rasante Entwicklung von bio.logis hängt eng mit der Person Steinberger zusammen. Sie ist hochqualifiziert, neugierig und unternehmungslustig. Fast fünf Jahre arbeitet sie als Ärztin im OP, bevor sie sich Anfang der 90er-Jahre mit Humangenetik beschäftigt. Sie wechselt in die Wissenschaft, an die Uni-Klinik Gießen, wird habilitiert und ist schon beamtet, als ein Anruf von einem Headhunter kommt. Ein führendes Labor im Raum Wiesbaden will sie für die Entwicklung des Geschäftsbereichs Humangenetik engagieren. Obwohl sie eigentlich kein Interesse hat, hört sie sich das Angebot an. Der charismatische Chef überzeugt sie von einem Wechsel in die Industrie. Dort entdeckt sie ihre unternehmerische Leidenschaft. "Einen geschäftlichen Organismus zu entwickeln ist fast so spannend wie die Biologie", sagt Daniela Steinberger. Sie will es genau wissen, studiert nebenbei an der European Business School Gesundheitsökonomie und setzt noch einen MBA drauf. Im Anschluss daran macht sie eine folgenschwere Feststellung. "Immer mehr genetische Informationen können zu immer geringeren Kosten festgestellt werden", sagt Steinberger. "Eines Tages werden Analysen zum Null-tarif in jeder Apotheke angeboten. Wenn das so ist, fragte ich mich, was ist dann mein Job in unmittelbarer Zukunft?" Ihre Antwort: Die Interpretation der genetischen Informationen. Aus der Idee wird ein Business-Plan, Steinberger überzeugt einen Banker und ist am 1. Januar 2009 die bio.logis-Mitarbeiterin Nummer 1. Inzwischen sind millionenschwere Analysegeräte und 24 Mitarbeiter hinzugekommen. Und das Unternehmen ist weiter auf Expansionskurs. "Die diagnostische Genetik wird noch nicht ausreichend in der Medizin genutzt. Dabei liegt dort ein Riesenpotenzial." Demnächst will das Unternehmen seinen schnellen und kostengünstigen Service auch Privatkunden anbieten. "Personal Genomics Services" heißt das Zauberwort.

Bio.logis ist das Musterbeispiel eines erfolgreichen Start-ups. Immer mehr Menschen in Deutschland machen sich selbständig. 410000 waren es trotz Krise im Jahr 2009 – 2,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Wirtschaftspresse ist voll von Erfolgsstorys junger Unternehmerinnen und Unternehmer. Amazon bietet reihenweise Ratgeber zur Existenzgründung. Und bei den Wettbewerben für erfolgreiche Start-ups gehen Hunderte von Bewerbungen ein. "Gründerwelle in 2010?" heißt es in einem Newsletter des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi). Als Ursache des Trends hat das Ministerium den Druck des Arbeitsmarktes Startschuss einer großen Photovoltaic-Anlage im südlichen Brandenburg Bild vergrößern Startschuss einer großen Photovoltaic-Anlage im südlichen Brandenburg (© picture-alliance/dpa) ausgemacht. Denn anders als im Gründerboom um das Jahr 2000, als aufgrund des Internethypes junge Menschen gut dotierte Posi­tionen kündigten, um am Erfolg des Neuen Marktes teilzu­haben, machen sich die Menschen heute überwiegend aus drohender oder tatsächlicher Arbeitslosigkeit selbständig. Das bevorzugte Experimentierfeld ist der Dienstleistungssektor. Die Spanne reicht vom Einmannbetrieb in der Gebäudereinigung bis zu Ingenieurdienstleistungen.

Juwi

Juwi ist so ein junges Unternehmen, das sich mit Know-how in rasantem Tempo an die internationale Spitze gearbeitet hat. Das Unternehmen, benannt nach den Gründern Fred Jung und Matthias Willenbacher, ist spezialisiert auf die Konzeption und den Betrieb von Anlagen zur Gewinnung erneuerbarer Energien. Der Erfolg in Zahlen: 400 Windräder an 65 Standorten weltweit. 500 Megawatt installierte Solarenergie. Milliarden­investitionen. Verzehnfachung des Umsatzes von 2005 bis 2010. Und in diesem Jahr stellt das Unternehmen täglich einen neuen Mitarbeiter ein. Der 1000. Angestellte wird wohl im Oktober begrüßt werden. Der umtriebige Gründer Matthias Willenbacher sitzt in seinem Büro im obersten Geschoss des neuen Firmensitzes im rheinhessischen Wörrstadt. Das energieeffizienteste Bürogebäude der Welt ist seit 2008 bereits zweimal erweitert worden. "Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein", sagt Willenbacher und erzählt von den kleinen Anfängen. "Ich las 1995 von einer Gruppe von Umweltschützern, die in der Eifel umweltfreundlichen Strom produzieren wollten. Die Idee faszinierte mich." Er sagte sich, wenn das im Norden von Rheinland-Pfalz geht, dann muss das auch bei ihm zu Hause in der Pfalz funktionieren. Der gelernte Physiker informierte sich in der Eifel, prüfte die Windverhältnisse in der Pfalz und lernte bei der Vorbereitung den Agrar-Ökonomen Fred Jung kennen. Gegen alle Widerstände installierten sie 1996 das erste eigene Windrad – und gründeten die Firma Juwi. Das Geschäft lebt von der Erkenntnis in der Gründungsphase, dass es zur Gewinnung erneuerbarer Energien nicht nur eines Windrades bedarf, sondern auch der Beratung bei der Standortsuche, der Planung, der Finanzierung und Errichtung. Juwi ist in allen Bereichen der erneuerbaren Energie vertreten, kombiniert sie geschickt und bedient Hausbesitzer wie Stadtwerke, Kommunen und institutionelle Investoren. Fast täglich vermeldet das hochinnovative Unternehmen neue Projekte. Derzeit wird der Geschäftsbereich Energieeffizientes Bauen aufgebaut. Ganz oben auf der Agenda: das Thema Elektromobilität. Ein Showroom auf dem Firmengelände ist eingerichtet. Der Chef drückt aufs Tempo: im E-Renner Tesla.

Crytek

Szenenwechsel. In der ehemaligen Jade-Fabrik im Frankfurter Osten arbeiten 300 junge Entwickler, Grafiker und Programmierer aus mehr als 40 Ländern in abgedunkelten Die Brüder Cevat Yerli, Avni Yerli, Faruk Yerli - Gründer der Videospiele-Firma "Crytek" in Frankfurt Bild vergrößern Crytek-Gründer: die Brüder Yerli (© Crytek) Großräumen an neuen Spielen. Die internationale Games-Community wartet gespannt auf das Release-Datum von "Crysis 2" aus dem Hause Crytek. Der deutsche Spiele-Entwickler gehört weltweit zu den innovativsten Anbietern, überzeugt immer wieder mit Cutting-Edge-Technologie und grafischen Innovationen und hat sich mit Millionen-Sellern wie "Far Cry", "Crysis" und "Crysis Warhead" einen Namen gemacht. "'Crysis 2' stellt grafisch alles bisher Dagewesene in den Schatten und verleiht dem Begriff Fotorealismus eine völlig neue Bedeutung", sagt Cevat Yerli, einer der drei türkischstämmigen Brüder, die das Unternehmen gründeten. "Wir arbeiten zusammen mit Electronic Arts." EA ist der weltweit größte Publisher von Computer- und Videospielen mit Sitz in Kalifornien. Rückblick. Ende der 80er-Jahre sitzen die drei Brüder Avni, Cevat und Faruk Yerli im oberfränkischen Coburg im Kinderzimmer vor ihrem Commodore C-64 und spielen Donkey Kong. Mit 12 Jahren fängt Cevat an zu tüfteln. Nach und nach kommen auf der virtuellen Plattform crytek.com Gleichgesinnte hinzu. 1999 steht die erste Demo-Version. Die drei Brüder fahren 2000 auf gut Glück zur weltgrößten Spielmesse E3 nach Los Angeles. "Wir waren wohl die Einzigen, die Eintritt bezahlt haben", sagt Avni. Auf der Messe mussten sie um Termine betteln. Schließlich gibt ein Mitarbeiter des Grafikchip-Herstellers Nvidia nach. "Dann kommt halt um 17 Uhr zum Empfang." Kaum lief die mitgebrachte Demo, wurde es still am Messestand. Die Gäste schauten gebannt auf den Bildschirm. Solche Darstellungen hatten die Grafik-Profis von der Westküste noch nicht gesehen. Innerhalb einer halben Stunde hatten die Yerli-Bro­thers Anschlusstermine mit den Großen der Branche und schon bald ihren ersten Vertrag in der Tasche. Das war die Geburtsstunde von Crytek. Das Unternehmen sitzt heute in Frankfurt und unterhält Tochterstudios in Kiew, Budapest, Sofia, Seoul und Nottingham. Avni kümmert sich ums Geschäft, Cevat ums Kreative, und Faruk koordiniert die Standorte. Um die Zukunft ist ihnen nicht bange. "Wir sind technologisch der Filmindustrie um fünf Jahre voraus", sagt Avni.

Vapiano

Nach der Software-Schmiede SAP und dem Biotech-Unternehmen Qiagen, den wohl erfolgreichsten deutschen Unternehmensgründungen der vergangenen Jahrzehnte, drängt eine Generation von Gründern in den Markt, die gut ausgebildet ist, Ideen hat, Vapiano Mitbegründer Gregor Gerlach Bild vergrößern Vapiano Mitbegründer Gregor Gerlach (© picture-alliance/dpa) Marktentwicklungen frühzeitig erkennt und Mut zur Selbständigkeit zeigt. Sie sind in Wachstumsbranchen wie der Biotechnologie, der Umwelttechnologie oder der Kreativwirtschaft unterwegs, bekennen sich zum Standort Deutschland und richten sich international aus. Deutschland gilt im internationalen Vergleich zwar nicht als Gründerland. Gemäß einer aktuellen Studie des Global Entrepreneurship Monitor (GEM), das Unternehmensgründungen international analysiert, liegt Deutschland bei den zwanzig innovationsbasierten Ökonomien lediglich auf Platz 15. Diese Betrachtung sagt aber nur etwas über die Quantität, nichts über die Qualität der Gründungen aus.

Dass es nicht immer Hightech sein muss, zeigt das Beispiel Vapiano. Auch in diesem Fall war Gespür für den Markt, sprich den Zeitgeist, gefragt. Entspannte Atmosphäre, mediterrane Leichtigkeit und südländische Lebensfreude versprach der System­gastronom, als er an den Start ging. Italienische Speisen so anbieten, dass man sich fühlt "wie bei einem Besuch zum Essen bei guten Freunden". 2002 eröffnet das erste Lokal in Hamburg. Zwei Jahre später vergibt Vapiano die erste Franchise-Lizenz. Heute gibt es weltweit 76 Restaurants, davon 31 in Deutschland und 45 in 31 anderen Ländern, zum Beispiel in Washington, Brisbane und Dubai. Schon in der Gründungsphase bildet sich die heutige vierköpfige Gesellschafterstruktur. Kent Hahne, Sohn deutscher US-Einwanderer, Typ "Sonnyboy", schließt sich früh dem Team an und gilt heute als "Außenminister". Er wuchs in den USA auf, startete aber seine Gastro-Karriere mit einer Sports-Bar in Bonn. Dann heuert er als einer der jüngsten Lizenznehmer bei McDonalds an und betreibt überaus erfolgreich Filialen in ganz Deutschland. Bei McDonalds habe er "alles" gelernt, sagt Hahne. 2006 verkauft er seine Lizenzen und konzen­triert sich auf sein Ding: Vapiano. Er erinnert sich, dass der legendäre Unternehmer Rudolf-August Oetker, Komplementär der Hausbank von Vapiano, bis zu seinem Tod 2007 die Geschäfte von Vapiano noch eigenhändig abzeichnete. Die Unterschrift ist wie ein Gütesiegel für die Gründergeneration 2.0.

Gründergeneration 2.0

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