Klare Ansage gegen Judenhass

30. Juni 2017

Bundespräsident hält eine Rede in der Augsburger Synagoge Bild vergrößern (© DPA) Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat sich in einer Ansprache anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Augsburger Synagoge deutlich gegen jegliche Form des Antisemitismus ausgesprochen.

Die Rede des Bundespräsidenten:

Wie schön sind deine Zelte, Jakob – so hieß eine Ausstellung über die Synagogen in Schwaben, die vor einigen Jahren auch in diesen Räumen zu sehen war. Und, ja: Das ist es, was einem einfällt, wenn man hier um sich blickt. Was für ein schöner Raum, was für ein besonderes Haus!

Es gab einmal viele Synagogen in dieser Gegend. Schöne, große und kleine, bedeutende und weniger bedeutende – unter ihnen war diese hier, die Augsburger, erbaut von Fritz Landauer und Heinrich Lömpel, sicher die bedeutendste. Die wenigsten Synagogen haben die Zeit des Nationalsozialismus überdauert. Von den vielen sichtbaren Zeichen deutsch-jüdischen Selbstbewusstseins, sind oft nur Spuren geblieben. Was weithin sichtbar war, sollte verschwinden. Auch diese Synagoge sollte zerstört werden. Gerettet hat sie am Ende nicht der Mut Einzelner, sondern die Angst des braunen Mobs, der befürchtete, eine benachbarte Tankstelle könnte explodieren.

Die Barbarei der Nationalsozialisten, aber auch das mangelnde Mitgefühl mit den jüdischen Nachbarn, der fehlende Mut der Mehrheit, den Mächtigen in den Arm zu fallen – das macht es schwer, Worte zu finden, für einen deutschen Bundespräsidenten, aber letztlich für jeden, der hier an meiner Stelle stehen und sprechen wollte. In die Freude über dieses Haus, über die Schönheit seiner Räume, über das, was es für seine Gemeinde und für die Augsburger nun seit einhundert Jahren bedeutet, mischt sich immer auch Trauer über den Verlust, das Entsetzen über Hass und Zerstörung und der Schmerz über das Unwiederbringliche.

Die Augsburger Synagoge war und ist eine der schönsten Deutschlands. Es ist ein Glück, dass sie erhalten geblieben ist – ein Glück für die Gemeinde, für die Stadt und für uns alle. Eine Synagoge ist immer auch ein Zuhause, ein Ort der Geborgenheit für ihre Gemeinde.

1985, vierzig Jahre nach Kriegsende, im dem Jahr, in dem mein Vorgänger Richard von Weizsäcker den Deutschen – und sich selbst – dabei half, ihre Geschichte als das anzunehmen, was sie war, da begann hier in Augsburg das neue Leben der jüdischen Gemeinde. Und damals, vor der Einweihung, sprach Walter Jacob, der Sohn des letzten Rabbiners in Augsburg, und erinnerte die Deutschen daran, dass die Erbauergemeinde sich hier vor dem Krieg – ich zitiere ihn – ""vollkommen zu Hause"" gefühlt habe. Er hoffe, so sagte Walter Jakob damals, dass diese Synagoge nicht nur ein Denkmal sein würde, sondern das Zentrum einer neuen, wachsenden, kraftvollen Gemeinde. Heute scheint mir: Das ist gelungen!

Walter Jacob hat seine Kindheit in diesen Räumen verlebt. Er spielte im Garten der Synagoge, ging in einem Nebengebäude des Gemeindehauses zur Schule, und er genoss die Geborgenheit einer Gemeinschaft, die außerhalb dieser Mauern angefeindet und bedroht wurde. Es gelang seinen Eltern, ""die Schrecken jener Zeit von uns Kindern fernzuhalten"", schrieb er später.

Es gelang ihnen bis zum frühen Morgen des 10. November 1938, als der Mob in die Synagoge eindrang, randalierte, plünderte, Feuer legte und schließlich den Rabbiner, seinen Vater Ernst Jacob, verhaftete, um ihn gemeinsam mit dem Synagogendiener ins Konzentrationslager Dachau zu bringen.

Mit diesem Tag endete nicht nur die deutsch-jüdische Familiengeschichte der Jacobs. Es endete ein Teil deutsch-jüdischer Geschichte. Die Geschichte jüdischer Emanzipation, politischer, gesellschaftlicher und religiöser Gleichberechtigung, die Geschichte des jüdischen Bürgertums und des liberalen Judentums in Deutschland. Jüdische Bürger haben diese Synagoge erbaut. Für diesen Teil gemeinsamer Geschichte steht dieses Haus. Und der gewaltsame Abbruch dieser Geschichte hat unserem Land, dem Land der Täter, einen irreparablen Schaden zugefügt.

Wir können deshalb nicht nahtlos an Vergangenes anknüpfen. Bei seiner Rückkehr 1985 sagte Walter Jacob, sein Weg zurück nach Augsburg führe durch Dachau.

Aber dass wir mit seiner Hilfe und der Hilfe vieler anderer neu beginnen konnten, ist ein kostbares Geschenk. Ich denke an Julius Spokojny, Mitek Pemper und Ernst Cramer, und ich danke Henry Stern und Gernot Römer, die heute Abend unter uns sind. Wir wollen dieses starke selbstbewusste, orthodoxe wie liberale jüdische Leben in Deutschland. Es ein weiteres Mal preiszugeben, ist undenkbar.

Und deswegen will ich es auch an diesem Jahrestag deutlich aussprechen: Ja, es gibt Antisemitismus in unserem Land. Er steckt in der tumben Hetzparole ebenso wie in der versteckten, scheinbar entgleisten intellektuellen Nebenbemerkung. An das eine wie das andere dürfen wir uns niemals gewöhnen! Wir dürfen uns nicht daran gewöhnen, dass Synagogen in unserem Land immer noch von der Polizei bewacht werden müssen. Wir dürfen nicht ertragen, dass völkisches Gedankengut wieder Einzug hält in politische Reden. Wir dürfen es nicht hinnehmen, wenn Einwanderer aus muslimisch geprägten Regionen auch ihre Feindbilder importieren. Wir dürfen es nicht durchgehen lassen, wenn aus Kritik an israelischer Regierungspolitik mit einem boshaften Winkelzug eine Infragestellung Israels wird. Antisemitismus muss uns empören, nicht weil wir eine Schuld abzutragen haben, sondern weil wir Menschen sind. Lassen Sie uns wachsam sein – wachsamer denn je!

"Wie schön sind deine Zelte, Jakob,"

"deine Wohnungen, Israel."

"Gleich Tälern breiten sie sich aus, "

"gleich Gärten am Strome, "

"gleich Aloebäumen, die der Herr gepflanzt hat, "

"gleich Zedern am Gewässer."

Ja, diese Sehnsucht, die Sehnsucht nach Heimat – wie wunderbar ist sie beschrieben, hier im vierten Buch Mose, und wie vertraut ist sie uns allen. Ich glaube, man muss nicht jüdisch sein, wenn diese Zeilen einem direkt ins Herz dringen.

Juden, Christen und Muslime; Gläubige und Nichtgläubige; die, die schon immer in Deutschland sind, und die, die neu hinzukommen: Wir alle wollen in unserem Land "vollkommen zu Hause" sein, wie der Rabbiner damals formuliert hat.

Ich weiß sehr wohl: Das ist ein hehres Ziel und eine schwierige Aufgabe, in Zeiten, in denen so viele, so unterschiedliche Menschen in unserem Land ihre Heimat suchen, und in denen so viel Spannung herrscht, im Inneren und im Äußeren. Vieles ist ungeklärt, und vieles müssen wir neu verhandeln, wenn Deutschland für die einen Heimat bleiben und für die anderen Heimat werden soll.

Aber eines ist gewiss: Antisemitismus zerstört Heimat für uns alle. Der Kampf gegen den Antisemitismus ist nicht nur eine Frage der Solidarität, er ist ein Kampf um unser Gemeinwesen als Ganzes. Nur wenn Juden in Deutschland vollkommen zu Hause sind, ist diese Bundesrepublik vollkommen bei sich. Nur dann ist sie ein Zelt, ein Garten am Strome, ein Ort, der den schönen Namen Heimat verdient.

© Deutsche Botschaft Tel Aviv

Augsburger Synagoge

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